LERNEN braucht mehr FLOW @CLC16

…war das Motto meiner Session mit dem Titel „Prototype Smart Learning Environments“. Darauf bin ich in der S-Bahn auf dem Rückweg des 1. Tages vom #CLC16 (Corporate Learning Camp) gekommen, nachdem ich mir die Zeitschrift FLOW gekauft hatte. Mit Musik im Ohr reflektierte ich die vielen Eindrücke des Tages. Beeindruckt hat mich die gelungene Atmosphäre auf Augenhöhe sowie die geballte „EDUPower“, die die 300 Teilgeber/innen mitgebracht haben. Bei knackigen 3 Schlagworten pro Person wurde in der Vorstellungsrunde deutlich, dass sich nahezu alle Besucher/innen des BarCamps mit HR und (e)Learning beschäftigen. Inspiriert haben mich am 1. Tag die Sessions von Deborah, die die Bedeutung von Social-Learning mit Social-Learning Lehr-/Lernmethoden erarbeiten ließ und die Session von Heiko, der das Thema „Effectuation“ in einer offenen Gesprächsrunde mittels PowerPoint erläuterte. Besonders gelungen war meiner Meinung nach der vielfältige Erfahrungsaustausch, egal ob in einer Session oder in den Pausen. Das schöne ist, dass man viele Bekannte aus der EDU-Community wiedersieht. Leider hatte ich gar nicht so viel Zeit, um mit allen aus meinem Netzwerk ins Gespräch zu kommen, da man ja permanent neue Kontakte knüpft. Darin liegt die wunderbare Stärke des Corporate Learning Camps, dass ein (persönlicher) Austausch auf Augenhöhe stattfindet und man mit etlichen neuen Ideen, Inspirationen und Kontakten nach Hause geht. Insofern kann ich diese Erfahrung jedem ans Herz legen. Ich freue mich schon jetzt auf das CLC17!

Nichtsdestotrotz ist mir aufgefallen, dass die überwiegenden Sessions eher „lehrendenzentriert“ anstatt „lernendenzentriert“ abgelaufen sind. Obwohl das Format „BarCamp“ geradezu dazu einlädt, Lehr-/ Lern-Experimente zu wagen und Innovationen voranzutreiben, ist dies leider methodisch wie auch inhaltlich wenig bis gar nicht passiert. Obwohl die Teilgeber/innen über eine fundierte und oft auch langjährige Qualifikation (im Bildungsbereich?!) verfügen, wurden Erkenntnisse aus der Lehr-/ Lernforschung nicht angewendet. Wenn überhaupt wurde darüber gesprochen. Es wurde vielfach erwähnt, dass Lernprozesse dann am effektivsten sind, wenn die Lernenden selbst etwas MACHEN und dass Frontalunterricht oder Monologe bzw. reden alleine nicht unbedingt zu einer nachhaltigen Verankerung im Gehirn führen. Es ist bekannt und durch Studien belegt, dass hierfür Abwechslung, (audio-)visuelle, haptische und emotionale Elemente ausschlaggebend sind. Dass letztlich eine sinnliche Erfahrung stattfinden muss. Diese Erkenntnisse sind nicht neu, sondern wurden bereits in den 70er-Jahren umfassend kognitionswissenschaftlich begründet (z.B. von Frederic VESTER in seinem Buch „Leitmotiv vernetztes Denken“) und in weiteren Standardwerken wie z.B. von Peter Baumgartner in seinem Plädoyer für didaktische Vielfalt detailliert aufgearbeitet. Insofern verstehe ich nicht, warum es noch immer so eine gravierende Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis gibt?

Letztlich könnte dies bedeuten, auch im Hinblick auf die kontinuierlich stattfindende (und auch wichtige) Kompetenzdiskussion, dass wir selbst im Kreis der „Educational Experts“ zu wenig Kompetenzen in Bezug auf die Gestaltung von Lernsettings vorfinden. Allerdings wäre dies nunmehr eine sehr gewagte (und deprimierende) These.

Natürlich lebt ein BarCamp davon, dass Teilgeber/innen (unvorbereitet & spontan) eine Session anbieten und man kann auch nicht erwarten, ein „didaktisch fundiertes Setting“ serviert zu bekommen. Und wenn man mit einer Session nicht ganz zufrieden ist, kann man ja schließlich auch gehen oder noch besser, selbst eine Session anbieten. Man ist ja schließlich da, um sich AKTIV einzubringen. Insofern ist der Lerneffekt bei den Teilgebern einer Session wohl insgesamt am größten gewesen.

Dementsprechend resultierte meine Motivation eine eigene Session anzubieten aus 2 Reflektionen. Zum einen, selbst etwas lernen zu wollen und zum anderen aber auch, im Sinne der Ermöglichungsdidaktik aufzuzeigen, dass selbst mit wenig Vorbereitung und wenig Mitteln (Paketschnur, Wäscheklammern, Magazin) eine Lernumgebung gestaltet werden kann, die die Menschen motiviert und inspiriert, kreativ zusammenzuarbeiten, den verfügbaren Raum innovativ zu nutzen und visuelle Anker zu erzeugen. Und das bei einem sehr komplexen Thema wie „Smart Learning Environments“.

Insofern bin ich sehr glücklich, dass mein Experiment „Prototype Smart Learning Environments“ sehr gut funktioniert hat.

Das Konzept (das ich mir in der S-Bahn ausgedacht hatte) sah so aus, dass die Teilgeber/innen insgesamt 4 Challanges aktiv zu bewältigen hatten:

1) Netz spannen (alle zusammen) – 5min

2) Thema visualisieren (in Kleingruppen) – 15min

3) Reflektieren (alleine) – 5min

4) Ergebnisse in das Netz hängen und vorstellen (in Kleingruppen) -20min

Bereits hier wird deutlich, dass aktives HANDELN der Teilgeber/innen im Vordergrund stand, anstatt die Vermittlung von Inhalten.

Der Ablauf sah wie folgt aus:

1) Direkt nach der Begrüßung und einer kurzen Einleitung wurden die Teilgeber/innen der Session aufgefordert, mittels Paketschnur ein Netz(-werk) durch den Raum zu spannen. Hierfür waren 5 Minuten vorgesehen. Das Netz sollte ein Sinnbild für „vernetztes Lernen“ und „komplexe Wirkungszusammenhänge“ innerhalb von Smart Learning Environments darstellen.

Zwischen 1) und 2) wurde ein ca. 10-minütiger, mündlicher Input von mir zu den einzelnen Elementen eines Smart Learning Environments (SLEs) gegeben. Dieser Mini-Input wurde mit 6 Stühlen (für die 6 Gestaltungsbereiche eines SLEs) visualisiert. Anschließend sollten sich die Teilgeber/innen hinter einen der 6 Stühle stellen, um sich zu einem Bereich zu sortieren, welchen sie im weiteren Verlauf näher betrachten wollten. Die relevanten Aspekte, die bei der Gestaltung von SLEs berücksichtigt werden müssen, sind die folgenden 1. Bedürfnisse, 2. Lehr-/ Lernmethoden, 3. Lern-/ Unternehmenskultur, 4. IT-Infrastruktur, 5. Digitale/ analoge Ausstattung und 6. Architektur/ Design.

2) Nun wurden diese Gruppen aufgefordert, sich im Raum zu verteilen und ein Bild zu ihrem Gestaltungsbereich zu malen bzw. das Thema zu visualisieren mit jenen Aspekten, die für sie in diesem Zusammenhang relevant erschienen. Hierzu gab es einen großen Gruppentisch bestehend aus ca. 8 einzelnen Tischen, der mit Stiften und „schönen, inspirierenden, Assoziationen weckenden“ Zeitschriften-Seiten bestückt war.

Sehr interessant fand ich an diesem Punkt, dass die Visualisierung überwiegend in Textform ausgeführt wurde. Ein Hinweis darauf, dass die vorherrschende Lernkultur (vgl. 2. Gestaltungsbereich eines SLEs) überwiegend durch Textformate geprägt ist. Lediglich 1 Bild und 1 Collage sind auf diese Art & Weise entstanden. Ein Kommentar war sinngemäß: „ich kann nicht malen“

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3) Nach der Visualisierung war eigentlich vorgesehen, dass jeder für sich kurz innehalten sollte, um sich mit einer der Zeitschriften-Seiten zu identifizieren und einen persönlichen Bezug zum Thema „smart learning“ herzustellen. Aufgrund der Zeitknappheit wurde dieser Punkt spontan in 1 Minute unter dem Motto: „Nehmt Euch eine Seite, zu der euch eine Assoziation zu Smart Learning Environment einfällt“ abgehandelt.

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4) Zum Ende hat jede der 6 Gruppen nacheinander zunächst das auf einem FlipChart visualisierte Gruppen-Bild vorgestellt sowie die einzelnen Zeitschriften-Seiten mit den damit verbundenen Assoziationen präsentiert. Die vorgestellten Ergebnisse wurden nacheinander in das Netz(-werk) eingefügt und mit Wäscheklammern befestigt.

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Das Ergebnis war meiner Meinung nach hochwertig, da viele Inhalte selbst erarbeitet wurden, die in der wissenschaftlichen Literatur auch benannt werden. Zudem war es eine echte Bildungsinnovation. Inhaltlich sowie methodisch! Es hat mich absolut überwältigt, wie gut das Experiment funktioniert hat. Mehr oder weniger unvorbereitet, nur mit einer Zeitschrift, Wäscheklammern und einer Schnur ausgestattet. Gerne hätte ich eine ausführliche Reflektion des Lernprozesses vorgenommen, dafür blieb leider keine Zeit. Die nächste Session stand bevor. Das Feedback war jedoch sehr positiv und lautete sinngemäß:

„Danke Sirkka, dass Du so viel Mut hattest, etwas Neues auszuprobieren und uns eingeladen hast, den gesamten Raum zum kreativen arbeiten zu nutzen.“

Eine Teilgeberin fand eine Zeitschriften-Seite so schön, dass sie sie behalten wollte. Darüber hinaus wurden die Erfahrungen und Ergebnisse auch auf Twitter unter #CLC16 geteilt. Empfehlenswert ist auch die Twitter wall: https://walls.io/CLC16

 Meine Lessons Learned: Was man mit alles mit einer Schnur, Wäscheklammern und einer Flow-Zeitschrift machen kann.

Mein Plädoyer: Wir brauchen mehr Mut, um Lehr-/ Lern-Experimente zu wagen und somit Bildungsinnovationen gemeinsam zu kreieren. Lernen sollte Spaß machen und Emotionen wecken, um Lerninhalte nachhaltig zu verankern.

Weitere Berichte vom #clc16:

Und hier erste Impressionen auf YouTube von Lutz Berger: Lutz Berger: Impressionen vom 6. CorporateLearningCamp #CLC16

An dieser Stelle HERZLICHEN DANK an alle Teilgeber/innen, allen voran Karlheinz Pape und dem Orga-Team für die inspirierende Zeit, die intensiven Gespräche, den wertvollen Austausch und die angenehme Atmosphäre.

Ich freue mich auf Kommentare und das nächste #CLC17.

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7 Comments

  1. Martin Geisenhainer

    Diese generellen Eindrücke kann ich teilen. Die Bereitschaft, Innovation zu diskutieren, war erheblich grösser, als sich auf das Ausprobieren einzulassen. Gutes Beispiel hierfür der intensive Austausch über social learning und das geringe Interesse, hiee selber zum Poweruser zu werden und etwa Twitter als Möglichkeit vernetzten Lernens einzusetzen.

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